
Alle ein bis zwei Monate nehmen Tine und ich uns vor, mal wieder richtig gut zu kochen. Dabei muss ich sagen, dass ich eigentlich der Koch bin. Deswegen wechselt dieser Blog auch von nun an in die 1. Person singular! Basta! Zudem fällt mir in dieser Form auch das Schreiben leichter, aber das ist ein anderes Thema. Also, ICH nehme mir also vor, dass ICH mal wieder richtig gut für Tine und mich koche. Tine ist dabei eher meine süsse Küchenhilfe – manchmal auch das Ventil für meine Aggressionen wenn so gar nichts klappen mag. Eigentlich habe ich vor nichts mehr Angst. Im Gegenteil: Ich will alles! Die schwersten, längsten und waghalsigsten Koch- und Garmethoden. Eigentlich. Denn vor eines habe ich Respekt. Ja, ich bekomme schon fast Panik. Manchmal wache ich weinend auf und bin schweissgebadet. Die Rede ist vom Rinderfilet. Es ist nämlich so, dass ich der festen Überzeugung bin*, dass Kühe nur wegen diesem Stück Fleisch getötet werden dürfen. Deswegen sind Filets auch so unglaublich teuer. Und wenn ich die Zubereitung versaue, dann ist die Kuh umsonst gestorben und ich bin schuld. Das ein ganzes Wochenetat aus der Haushaltskasse dabei drauf gegangen ist, Tine tot unglücklich ist und ich ernsthaft mit dem Gedanken spiele mit meinen 32 Jahren noch mal eine Umschulung als Koch zu machen, um endlich mal gescheite Filetsteak zu braten, ist dann nebensächlich; Die Kuh ist tot!
Um all diesen Horror an Schuldgefühlen, Sinneskrisen und Unglück in den Augen meiner Freundin zu umgehen, ist die Suche nach dem perfekten Steak eine Lebensaufgabe für mich geworden. Alles fing eigentlich vor fünf Jahren an, als meine Mutter zu Weihnachten die schönsten Rumpsteaks, die es auf der Welt gab, kräftig pro Seite zehn Minuten gebraten hat (ohne Scheiss, echt jetzt!). Ich hatte damals zwar noch nicht viel Ahnung von Küchen, Kochen & Co., aber ich dachte mir “Das geht doch bestimmt anders!”. Bevor wir ich mit diesem Kochblog anfingen, habe ich schon unzählig viele Versuche unternommen ein Steak in der Pfanne medium zu braten. Letztendlich kam ich zu dieser Erkenntnis. Die 50 durchweg positiven Kommentare zeigen mir heute, dass dieses Vorgehen grundsätzlich nicht falsch sein kann. Was ich aber heute weiß, ist das die Angabe von Garzeiten nie 100%ig sein können und nicht nur die Dicke und Schwere der Steaks die Garzeit beeinflussen. Daher gab es auch in den letzten Jahren bei dieser Methode unterschiedliche gute und leider teilweise auch schlechte Ergebnisse.
So trieb ich also weiter und tiefer in die Odyssee und strandete vor wenigen Monaten auf ein Eiland, wo das Niedertemperaturgaren total angesagt war. “Das ist es! Noch bessere Steaks bei 80 Grad!“, schrie ich durch mein hypertextales Sprachrohr in die digitale Welt hinein! Ich war völlig begeistert, eine Steigerung war kaum noch möglich! Ich habe mit Sicherheit eine Million Loblieder auf das Niedertemperaturgaren bei 80°C jeden meiner Freunde unaufgefordert vorgesungen (Die wenigen, nicht unerheblichen Fehlschläge habe ich natürlich nicht erwähnt). Den Höhepunkt habe ich erreicht, als ich erst vor Kurzem noch darauf aufmerksam wurde, die Temperatur nicht über 60°C steigen zulassen. Dieser Höhepunkt trieb mich sogar so weit, dass ich mir eingebildet habe, die 60-60-60-Regel erfunden zu haben; Ein Steak bei 60°C für 60 Minuten in den Ofen und anschließend 60 Sekunden pro Seite scharf anbraten. Ich hab’ keine Ahnung, ob es diese Regel wirklich gibt. Wenn nicht, melde ich hiermit eine Option auf ein Patent dieser Regel an… jedenfalls funktioniert das gut, aber halt auch hier der Unsicherheitsfaktor, die Zeitangabe. Wenn z.B. ein gutes Stück Fleisch schneller gart, und nach 60 Minuten bereits die 60°C erreicht hat, dann führt das scharfe anbraten in der Pfanne dazu, dass wir nach weiteren zwei Minuten, ein Steak “well done” haben – was wir i.d.R. nicht wollen. So habe ich nämlich neulich 4 schöne Rinderfiletsteak vom argentinischen Rind verhunzt – und ich habe die Kuh wieder auf dem Gewissen. Die Himmelspforte wird sich für mich auf ewig verschließen, wenn ich das Problem nicht in den Griff bekomme!
Das Steak-Problem läßt mich noch verrückt werden; Wenn wir über den Wochenmarkt schlendern und ich all diese schönen Auslagen bei den Metzgerbetrieben sehe, dann erscheint der Beelzebub fies kichernd vor mir und er flüstert leise “Kauf’ es dir und brate es an, wie du es immer tust!”. Ich winke dankend ab. Zu groß ist die Gefahr, noch eine Kuh auf dem Gewissen zu haben. Zu groß die Gefahr, die Enttäuschung bei Tine zu sehen, die mir einen Pfahl durch das Herz stößt und mich damit für die Hölle frei gibt.

Vor wenigen Tagen erst, habe ich von einer Garmethode gehört, die sich “Sous Vide” nennt. Nicht wissend, was sich dahinter genau verbirgt, geschweige denn zu ahnen, dass sich meine Probleme von nun an in Luft auflösen werden, beschloss ICH an diesem Wochenende “mal wieder gut zu kochen”. Folgt man Google über mehrere Seiten der Suchergebnisse nach “Sous Vide” gelangt man schließlich zu Wikipedia, die einem dann erstmal genauer sagen, vorbei es sich handelt; nämlich dem Garen unter Vakuum in niedrigen Temperaturbereichen. Aber bevor ich jetzt in die Küche stürme und los lege, dabei vermutlich 1000 Fehler begehe und letztendlich meine Odyssee weiter geht, habe ich mich entschlossen, weiter und tiefer nach dem Sinn von Sous Vide zu suchen. Ich glaube, man kann erst wissen was man tut, wenn man weiß was der Sinn ist.

Und so wühlte ich im Internet herum, wie auf einem Wühltisch im Second-Hand-Laden und sortierte sorgfältig einige Adressen von Foren, Blog und Hobby-Koch-Kram aus und begann zusammen zu fassen was ich wissen musste/sollte. Unter Vakuum gart man das Gargut (Gemüse, Fleisch und Fisch) eingeschweißt im Plastikbeutel bei niedriger Temperatur. Sämtliche Aromen und Flüssigkeiten bleiben dadurch vollständig im Gargut erhalten. Verständlicherweise – so ziehe ich zumindest meinen Rückschluss – geht man hierbei auch spärlicher mit Gewürzen um, da diese ja noch intensiver werden und den gewünschten intensiveren Geschmack vom eigentlich Hauptdarsteller schnell überdecken würden. Auch gart man bei Sous Vide nicht über einen bestimmten Zeitraum hinweg bei einer bestimmten Temperatur. Rezeptorientiertes Denken ist hier fehl am Platz. Ja ja, man gart nämlich bei Mindestzeiten im Kerntemperaturbereich. Interessant. Heißt also, dass meine Filetsteaks eine bestimmte Mindestzeit bei 55°C im Wasserbad garen. Wenn die Wassertemperatur stabil bleibt, kann also nicht viel schief gehen, da die Gartemperatur und Kerntemperatur gleich sind. Das Filet kann also nicht übergaren. Die Mindestzeit bei einem 200 g schweren Rinderfiletsteak soll wohl zwischen 45 und 60 Minuten liegen.
Zähle ich eins und eins zusammen, habe ich also wunderbar zarte, rosarote, gleichmäßig gegarte Filetsteaks, die im Mund nur so zerlaufen, sich zwischen Zunge und Gaumen verdrücken lassen und so ihr volles, ungemindertes Aroma freigeben. Wunderbar, aber alles ohne Röstaromen und lauwarm? Jepp, berechtigter Einwand, dachte ich mir auch. Wenn ich das jetzt noch anbraten, tja, dann hab’ ich schnell wieder die Kerntemperatur überschritten. Zum Glück gibt es zu diesem “Problem” auch eine Lösung: Arosieren. Aro-Was? Hört sich bescheuert an, ist aber im Prinzip ganz einfach, obwohl ich mir bis dato noch nicht vorstellen kann, dass so Röstaromen entstehen können; Man nimmt das Fleisch aus dem Beutel, tupft es ab und legt es z.B. in einen 50 Grad warmen Backofen. In einer heißen Pfanne kommt viel Butter, eine zerdrückten Knoblauchzehe, viel Salz, Rosmarin und Thymian (Hört sich ja schonmal nicht schlecht an, ne?). Wenn die Butter schäumt, wird das Fleisch hinein gelegt und die Pfanne schräg gehalten. Anschließend mit einem Löffel 10 – 12 mal mit der schäumenden Butter übergießen. Das Fleisch soll so aromatischer, aussen heißer und bißfester werden.

Gesagt, getan! Wie man am ersten Bild gut erkennen kann ist das Rinderfilet superrosa geworden – und zwar überall. Selbst an den Rändern ist es nicht durchgebraten. Wie den auch. Wie erwartet war das Fleisch auch super zart und super saftig (Ja, heute ist alles super). Nur das Arosieren muss noch geübt werden. Zudem möchte ich beim nächsten Mal versuchen, das Filet vielleicht doch noch 15 – 20 Sekunden pro Seite in eine heiße Grillpfanne zu legen – der Röstaromen wegen. Ich mag sie einfach zu sehr. Die Beilagen waren dem Fleisch angemessen; Karfoffelstampf mit Trüffelbutter und Paprika-Confit. Dazu gab es einen schönen kräftigen Rotwein.

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7 Kommentare
Sehr schöne Beschreibung für ein sehr schönes Essen!
Hach…. Welche Frau würde da nicht gerne mit Tine tauschen?! ;-)
P.S. Ich war mal so frei! Ihr/Du gefallt/gefällst mir jetzt bei Facebook.
Viele Grüße
Danie
Ich bin begeistert und habe zwei Dinge aus Deinem Posting mitgenommen. 1. Ein rosa gebratenes Steak ist wirklich machbar – auch in der eigenen Küche und 2. Sous Vide.
Danke für die Inspiration!
Hallo sehr schöne Beschreibung und das Sous Vide klingt interessant, doch eines irritiert mich.
Deine 60-60-60 Regel. Bei dieser Regel finde ich die Reihenfolge sehr seltsam.
Ich für meinen Teil brate erst scharf von allen Seiten an und dann kommt das Steak in den Ofen. Dies hat den Vorteil, dass das Steak rund herum verschlossen ist und somit kein Saft austreten kann. Wenn die Poren im Ofen noch offen sind, tritt doch der ganze schöne Saft aus dem Steak aus.
Hi Mirko,
die Reihenfolge ist keineswegs seltsam, sondern sehr effektiv, wenn man die Kerntemperatur im Auge behält. Fleisch hat zumal keine Poren, da es nur aus Wasser, Eiweiß und Muskelfasern besteht. Problem ist: Damit Fleisch schmeckt, muss das Eiweiß gerinnen, das geschieht durch Braten, Kochen wie auch immer. Eiweiß gerinnt ab einer Temperatur von 60°C ziemlich schnell. Dann passiert es, dass das geronnene Eiweiß das Wasser aus den Fasern presst. Wenn man etwas scharf anbrät, dann zieht sich sich die Oberfläche stark zusammen und es entsteht ein Unterdruck, der wiederum dazu führen (kann), dass Flüssigkeit herausgepresst wird. Verhindern kann man das also, wenn man das Fleisch langsam bei maximal 60°C gart und zum Schluss erst für die Röstaromen sorgt.
Wenn es bei mir mal schneller gehen soll, dann brate ich Fleisch auch nur in der Pfanne. Aber niemals scharf, sondern bei maximal 100 – 120 Grad.
Ich garantiere Dir, dass dir Steaks so 1000mal besser gelingen. Ein Bratthermometer ist aber unabdingbar, alles andere ist reiner Blindflug.
Danke für deine schöne Erklärung,
da ich zu Weihnachten für meine Lieben Rinderfilet mit trüffelgratin machen will ist dein Bericht eine große Erleichterung (Zeitmanagment) das die armen Rinder nicht umsonst sterben werden.
Hast du die Steaks vorher gewürzt oder Rosmarin mit in den Vakunierbeutel gegeben?
Werde deine Seite auf jeden Fall Bookmarken und freue mich sehr da durchzuspöbern